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Nashorn-Wiederansiedlung in der Serengeti

2010 ist ein besonderes Jahr für den Nashornschutz in Afrika: Sechs Ostafrikanische Spitzmaulnashörner werden aus Südafrika in den berühmten Serengeti Nationalpark in Tansania umsiedeln. Sie markieren den Beginn der größten Umsiedlung dieser Art, denn weitere 26 Tiere werden in den nächsten zwei bis drei Jahren folgen.

Presseinfo zur Ankunft der Nashörner am 21. Mai 2010
AFP Video zur Ankunft der Nashörner am 21. Mai 2010
Fernsehbeitrag im Weltspiegel/ARD: Ankunft der Nashörner; Min 28:58; 6. Mai 2010

Spitzmaulnashorn. Foto: Martin Harvey

Das Ostafrikanische Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis michaeli) ist die am stärksten bedrohte der drei Unterarten des Spitzmaulnashorns. Rund 700 Tiere gibt es noch in der Wildnis, weniger als 70 davon in Tansania. Die bevorstehende Umsiedelung soll den Serengeti-Mara-Bestand stabilisieren und zur größten freilebenden Population des Ostafrikanischen Spitzmaulnashorns machen.

Die Nashörner, die ab Ende Mai 2010 zurück in die Serengeti gebracht werden, sind Nachfahren von Tieren, die 1961 in Tsavo in Kenia gefangen und nach Südafrika transportiert worden waren. Mit dieser Maßnahme hatte man angesichts der massiven und unkontrollierten Wildereiwelle, die Ostafrika in den 1960er Jahren überrollte, damals versucht, die Unterart zu retten. In Südafrika wurden die Tiere aus Kenia von der Nationalparkverwaltung South African National Parks (SANParks) stets gesondert gehalten und jahrzehntelang empfahlen Naturschützer, diese Nashörner zurück in ihre Heimatregion zu bringen, so dass sie sich wieder mit ihren Artgenossen im Norden Tansanias bzw. im Süden Kenias vermehren können.

Die insgesamt 32 Nashörner werden im Serengeti Nationalpark als neue Sub-Population in einem Gebiet angesiedelt, in dem zurzeit keine Nashörner leben. Von dort besteht jedoch ein direkter Anschluss an eine bestehende Population, zudem schlagen die Neulinge hoffentlich die Brücke zu einer weiteren bereits bestehenden Population. Das wird die Erhaltung der Unterart Diceros bicornis michaeli einen deutlichen Schritt voranbringen.

Das Projekt wird gemeinsam durchgeführt vom Tansanischen Ministerium für natürliche Ressourcen und Tourismus, der tansanischen Nationalparkbehörde Tanzania National Parks (TANAPA), dem Tanzania Wildlife Research Institute (TAWIRI), der südafrikanischen Nationalparkverwaltung South African National Parks (SANParks), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und der Grumeti Stiftung (GF). Die Durchführung des Vorhabens liegt in den Händen der Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die für die gesamte Logistik des Projektes, die technische Expertise und Sicherheit zuständig ist, sowohl bei der Umsiedelung selbst als auch beim Monitoring nach der Freilassung der Tiere.

HINTERGRUND UND BIOLOGISCHE BEDEUTUNG

In den vergangenen 60 Jahren sind die Bestände des Spitzmaulnashorns in Afrika um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Noch 1970 lebten rund 60.000 Spitzmaulnashörner auf dem schwarzen Kontinent. Doch Wilderer trachteten in immer größerem Stil den Tiere nach dem Horn, und bis zum Jahr 1993 hatte die unkontrollierte Wilderei den Bestand auf unter 2.300 Tiere dezimiert. Dank intensiver Schutzmaßnahmen und einem aktiven Management der restlichen Populationen in Schutzgebieten ist es gelungen, den Bestand zu vergrößern. Heute gibt es wieder etwas mehr als 4.200 Spitzmaulnashörner.

Afrika war einst die Heimat von vier Unterarten des Spitzmaulnashorns Diceros bicornis. Von einer dieser Unterarten, dem Westlichen Spitzmaulnashorn in Kamerun (Diceros bicornis longipes), nimmt man an, dass es im Laufe des letzten Jahrzehnts ausgestorben ist. Die übrigen drei Unterarten werden auf der Roten Liste der IUCN als „kritisch gefährdet“ eingestuft, die ostafrikanischen Populationen sind zudem bei CITES auf Anhang I gelistet. Diese drei Unterarten sind:

  • Das Südwestafrikanische Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis bicornis) mit rund 1.400 Individuen in Namibia und Südafrika.
  • Das Südliche Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis minor) mit rund 1.800 Individuen in Südafrika, Simbabwe, im südlichen Tansania sowie in wieder angesiedelten Populationen in Malawi, Botswana und Sambia.
  • Das Ostafrikanische Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis michaeli). Es ist mit weniger als 700 Individuen in Kenia und Tansania (plus einer kleinen “out of range”-Population in Südafrika) die am stärksten bedrohte Unterart. Die einzigen freilebenden Populationen der Unterart sind in Kenia (etwa 635 Tiere verteilt auf 16 Gebiete) und Nordtansania (etwa 70 Tiere in drei Gebieten). Besonders besorgniserregend ist, dass alle diese Sub-Populationen weniger als 100 Individuen haben, was ihr Risiko auszusterben deutlich erhöht.

Die aktuelle Wiederansiedlung findet in einem Gebiet statt, in dem zurzeit zwar keine Nashörner leben, das aber nahe genug an bestehenden Populationen ist, sodass die Tiere eine Chance haben, sich zu treffen und hoffentlich zu vermehren. Zudem weiß man, dass in dem Gebiet den 1970er Jahren eine stabile Nashornpopulation vorkam. Das Freilassungsgebiet wurde aufgrund dieser historischen Daten aber auch aktueller ökologischen Daten sowie an den Ansprüchen der African Rhino Spezialist Group der IUCN an die Habitatsqualität ausgewählt.

NASHORNTRANSPORT – EINE LOGISTISCHE HERAUSFORDERUNG

Die ZGF, die bereits in einer großen Nashornwiederansiedlung von 25 Tieren in Sambia mit SANParks und den sambischen Behörden zusammengearbeitet hat, leitet den Ablauf der Nashorntranslokation und hält die Fäden der Unternehmung in der Hand. Jeweils fünf bis sechs Nashörner werden gemeinsam in einer großen Cargo-Maschine geflogen, nachdem sie 5 - 6 Wochen in einer so genannten Boma, einem Gehege, an ihre Transportkisten gewöhnt worden sind. In Tansania angekommen, werden die Tiere zunächst an das neue Futter gewöhnt. Während den zwei Wochen in der Boma wird ein Sender in ihr Horn implantiert, der die spätere Beobachtung gewährleistet und sie werden gegen Schlafkrankheit geimpft. Zunächst ist das Freilassungsgelände noch eingezäunt, damit die Tiere sich in der Gewöhnungsphase nicht zu weit entfernen. Nach 4 bis 6 Wochen jedoch wird der Zaun entfernt und sie können wandern wohin sie wollen. Ab da werden sie intensiv und kontinuierlich von den TANAPA-Rangern und Ökologen beobachtet.

Die ganze Translokation folgt den Richtlinien der IUCN African Rhino Spezialist Group. Sie erfüllt alle tansanischen Import und alle südafrikanischen Exportbedingungen für Wildtiere sowie CITES-Anforderungen.

Die Sicherheit der Nashörner wird gewährleistet durch ein umfassendes System an Patrouillen und ein intensives Training, das die Parkranger durchlaufen haben. Der Großteil der Ranger des Serengeti Nationalparks und eine eigene Nashorn-Rangergruppe wurde dafür im letzten Jahr in speziellen Trainingskursen aus- und weitergebildet.

FRÜHERE TRANSLOKATIONEN

In den letzten 20 Jahren wurden Spitzmaulnashörner aus gesunden Beständen zur Wiederansiedlung in Südafrika, Simbabwe, Kenia und Sambia genutzt. Die größte Unternehmung dieser Art war die Wiederansiedlung von Diceros bicornis minor im North Luangwa Nationalpark (Sambia) zwischen 2003 und 2010. Es ist die erste Wiederansiedlung der Art in einem Land, wo sie ursprünglich vorgekommen, aber bis zur völligen Ausrottung gewildert worden war. In North Luangwa lebt mittlerweile wieder eine gesunde Population mit 22 Tieren, weitere fünf werden ebenfalls im Mai 2010 aus Südafrika dort ankommen.

ZGF PROJEKTLEITER VOR ORT

Charlie Mackie

PROJEKTPARTNER

Tanzania National Parks (TANAPA)
Tanzanian Ministry of Natural Resources and Tourism
Tanzania Wildlife Research Institute (TAWIRI)
South African National Parks (SANParks)
Singita Grumeti Fund (GF)
National Fish and Wildlife Foundation
US Fish and Wildlife Service
Nduna Foundation
Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF)

4/2010