Überall auf der Welt sind Naturfreunde entsetzt über die tansanische Ankündigung vom Mai 2010, eine Straße für den Güter- und Fernverkehr durch den Serengeti Nationalpark bauen zu wollen. Seitdem hagelt es Proteste gegen das Vorhaben bei der tansanischen Regierung. Diese scheint bislang jedoch unbeirrt und überzeugt davon, dass die Straße keine negativen Auswirkungen auf den Nationalpark und seine Tierwelt haben werde.
Die Serengeti ist eine Ikone unter den Nationalparks dieser Welt, UNESCO Weltnaturerbe, ein unvergleichliches Wildnisgebiet und der Inbegriff für die Savanne Afrikas. Die Straße durch den Norden des Parks würde die weltberühmte Migration von fast zwei Millionen Gnus, Zebras und Antilopen an einer ihrer empfindlichsten Stellen treffen und den nördlichen Teil ihres Zugweges blockieren. Die Wildnisgebiete des Parks sind essenzielle Lebensräume für hochgradig bedrohte Arten wie Nashörner oder Wildhunde und nicht umsonst gestattet der Managementplan des Serengeti Nationalparks keine Straßen in diesem Gebiet.
Rund 1,3 Millionen Gnus wandern im Jahreszyklus durch die Serengeti, und mit ihren mehr als eine halbe Million Zebras, Grant‘s Gazellen, Thomson Gazellen, Impalas und andere. Die Vorstellung, eine Fernverkehrsstraße durch den Serengeti Nationalpark sei mit dieser gigantischen Tierwanderung vereinbar, ist absurd.
Tansania braucht wirtschaftliche Entwicklung und dafür den Ausbau seiner Infrastruktur, das ist unbenommen. Zweifellos ist ein gutes Straßennetz wichtig und entscheidend dafür dass Bauern ihre Erzeugnisse auf die Märkte bringen können, dass Dörfer erreichbar sind, sowie Handel und Wirtschaft funktionieren können. Doch diesen Ausbau auf Kosten der wertvollsten natürlichen Ressource des Landes zu planen, ist unverantwortlich, zumal dann, wenn es klare Alternativen gibt.
Bereits 2005 hatte Tansanias Staatspräsident Jakaya Kikwete während einer Wahlkampftour seinen potenziellen Wählern das Versprechen gegeben, die Infrastruktur des Landes auszubauen, unter anderem mit einer Straße von Musoma nach Arusha. Ein Versprechen, das nach seiner Wahl zum Präsidenten in der Schublade verschwand. In Frühsommer letzten Jahres jedoch wurde das Vorhaben passend zur Wahl im Oktober 2010 wieder hervorgeholt, und Ende Mai bestätigte ein Sprecher der tansanischen Nationalparkbehörde Tanzania National Parks (TANAPA), dass die tansanische Regierung nun in der Tat den Bau einer Fernstraße unmittelbar durch die Wildnisregion im Norden des Serengeti Nationalparks plane. Die Straße soll den Nationalpark in Ostwest-Richtung durchschneiden und dem Fern- und Güterverkehr den direkten Weg vom Viktoriasee zur Küste ebnen.
Hunderte von Zeitungen, Zeitschriften und Webseiten aus den verschiedensten Ländern, vor allem aber aus den USA, haben das Thema im vergangenen Jahr aufgegriffen, zahlreiche Fernsehbeiträge berichteten über die fatalen Folgen der Straße. Fast alle Naturschutzorganiationen sowie zahlreiche Institutionen haben ihren Protest kundgetan und im Oktober sprachen sich 27 Wissenschaftler im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature gegen die Pläne zum Straßenbau aus. Auch die UNESCO hat sich klar gegen die Straßenbaupläne positioniert.
Die ZGF hat sich bereits im Juni 2010 in einem Statement zur Straße geäußert und darin eine alternative Trassenfühung südlich um die Serengeti herum vorgeschlagen.
Interview mit Dr. Markus Borner, er leitet das Programm der ZGF in Afrika. Borner lebt und arbeitet in Seronera im Serengeti Nationalpark.
Herr Borner, 2010 stand für das ZGF-Afrikabüro im Zeichen des geplanten Serengeti Highways. Gehen Sie mit der Hoffnung ins Jahr 2011, diese Straße verhindern zu können?
Markus Borner: Die Straße durch den Norden der Serengeti darf einfach auf gar keinen Fall kommen. Ich bin ein Optimist – muss man als Naturschützer wohl sein – deshalb bin ich überzeugt, dass wir es schaffen werden, ja schaffen müssen, in diesem Jahr diese größte Krise für den Weiterbestand der weltberühmten Serengeti irgendwie zu aller Zufriedenheit zu lösen.
Es gab eine riesige Protestwelle. Weltweit erschienen Hunderte von Artikeln, unzählige namhafte Organisationen und Personen haben sich in Briefen der Regierung gegenüber gegen die Straße ausgesprochen. Hat das etwas bewirkt?
Markus Borner:Ich denke es hat zwei Dinge bewirkt: Erstens hat es den Verantwortlichen in der Regierung klargemacht, wie schwerwiegend eine solche Entscheidung für die Serengeti und das Ansehen von Tansania auf der Weltbühne sein kann, und zweitens hat es eine sehr lebhafte Diskussion im Land selbst über den Sinn und Unsinn der Straße angeregt. Dies ist besonders wichtig, da die Entscheidung letztendlich ja auch in Tansania fallen wird und vom Volk mitgetragen werden muss. Inzwischen haben sich auch ursprünglich eingeschworene Befürworter der Straße, wie der ehemalige Premierminister oder der Regional Commissioner der Serengetiregion, vorsichtig in Richtung einer Lösung mit einer Südumfahrung geäußert.
Die UNESCO hat Tansania klar davor gewarnt, den Weltnaturerbestatus der Serengeti aufs Spiel zu setzen. Vor wenigen Wochen war eine Abordnung der UNESCO vor Ort. Wie geht es jetzt weiter?
Markus Borner:Die UNESCO wird nun der verantwortlichen Regierungspartei einen Bericht vorlegen. Die tansanische Regierung wird darauf antworten müssen und dann wiederum muss die UNESCO entscheiden, welche weiteren Schritte international notwendig sind.
Wie schätzen Sie die Stimmung in der Bevölkerung ein?
Markus Borner:Das ist schwierig abzuschätzen. Es gibt natürlich Leute, die sich einen Profit von der Straße erhoffen und es wurde auch bereits sehr viel Land entlang des potenziellen Straßenverlaufs zu Spekulationszwecken aufgekauft. Im Allgemeinen hat sich die Stimmung mittlerweile eher gegen die Straße gewendet und ich würde mal vermuten, dass, wenn es zu einer Abstimmung im Parlament käme, eine Mehrheit gegen die Straße wohl vorhanden wäre.
Man liest viele Spekulationen über die Straße, dass es nur darum gehe, der Rohstoffindustrie den Weg zu ebnen, Gold und Erze aus Westtansania und dem Kongo schneller an die Häfen zu bringen. Wie schätzen Sie das ein?
Markus Borner:Ich glaube nicht, dass Gold und Erze hier eine treibende Kraft sind. Das Edelmetall wird ohnehin ausgeflogen und die Minen sind nicht unbedingt auf eine kurze Straßenverbindung angewiesen. Es geht sicherlich viel stärker um den Anschluss von Loliondo ans Straßennetz – den wir ja auch prinzipiell unterstützen, nur eben nicht so.
Und es geht um kürzere bzw. bessere Handelswege von Arusha nach Mwanza. Aber das würde eine Südumfahrung genauso bieten. Der große übergeordnete Hintergrund ist sicher der Haupthandelsweg von der Küste in die Zentralafrikanischen Staaten – was nachvollziehbar ist – der aber unter keinen Umständen durch die Serengeti gehen darf.
Die ZGF hat bereits im Mai letzten Jahres eine Südumfahrung des Nationalparks vorgeschlagen und dafür intensiv Lobbyarbeit gemacht. Auch alle anderen Naturschutzorganisationen haben sich der Idee angeschlossen. Wie realistisch ist es, dass man die Verantwortlichen davon überzeugen kann?
Markus Borner:Tansania hat seit seinem Bestehen als Staat, also seit 1964, ganze 9.000 Kilometer an Asphaltstraßen gebaut. Im nächsten Jahr sollen nach den Versprechungen der Regierung nun 4.000 Kilometer dazukommen, und das bei einem historischen Tiefststand in der Staatskasse. Das Land braucht unzweifelhaft bessere Kommunikation, Straßen und Eisenbahnen. Wenn Deutschland als Industrienation mit einer starken Verbindung zur Serengeti dabei helfen könnte eine Südumfahrung zu finanzieren, dann wäre die Straße durch die Serengeti mit Sicherheit sehr schnell vom Tisch.
Im Dezember hat eine kenianische Tierschutzorganisation Klage gegen die Straße beim East African Court of Justice eingereicht. Wie aussichtsreich ist das?
Markus Borner:Ich denke eine solche Klage hätte nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie vom kenianischen Staat angestrengt würde. Vor ein paar Jahren gab es den umgekehrten Fall als Kenia einen Staudamm am Mara-Fluss bauen wollte. Tansania protestierte dagegen über die East African Community und stoppte das Projekt. In Bezug auf die Straße schätze ich persönlich aber Druck von kenianischer Seite als kontraproduktiv ein, denn Tansania ist da recht empfindlich, was die Einmischung seiner Nachbarn anbelangt.
Gibt es noch andere juristische Mittel?
Markus Borner:Es gibt juristische und politische Mittel innerhalb Tansanias, einen endgültigen und bindenden Beschluss zur Straße zu verhindern. Das größte Gewicht hat hier wohl das Umweltkomitee des Parlaments, das einen Parlamentsbeschluss zur Straße verlangen könnte. Soweit ist es aber noch nicht, da sich die Regierung ganz klar dahin gehend geäußert hat, dass es bislang eben noch keinen parlamentarischen Beschluss zur Straße gibt – auch wenn sich einzelne Politiker dafür eingesetzt haben – sondern dass ein solcher Beschluss erst dann gefasst werden soll, wenn die Umweltverträglichkeitsprüfung vorliegt und ausgewertet ist. Und wenn der UNESCO-Bericht vorliegt.
Was tut die ZGF in der Angelegenheit nun weiter?
Markus Borner:Die ZGF wird weiterhin das tun, was wir auch das gesamte letzte Jahr getan haben: mit allen Kräften und mit all unseren Kontakten zu versuchen, die Südumfahrung zu fördern und die Straße durch die Serengeti zu verhindern. Hierzu haben wir sehr intensive Lobbyarbeit betrieben bei vielen westlichen Staaten, bei der deutschen Regierung, bei der EU und auch bei den USA. Sie alle unterstützen das Land mit Entwicklungsgeldern und haben Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.
Wäre es nicht eine große Leistung, wenn wir reichen Länder unsere Verantwortung für die Naturschätze dieser Welt wahrnehmen würden und beispielsweise mit deutschen Geldern eine Südumfahrung finanzieren könnten? Das würde nicht nur die Serengeti retten, es würde gleichzeitig drei Millionen verarmter Bauern an die Märkte anschließen und ihnen neue Perspektiven geben.
Das heißt, die ZGF wird keine Kampagne gegen die Straße führen, sondern weiterhin auf der Sachebene arbeiten?
Markus Borner:Hier gibt es eine Arbeitsteilung unter den NGOs, es macht ja keinen Sinn, dass jede Organisation ihre eigene Unterschriftensammlung macht. Es gibt bereits Plattformen wie savetheserengeti.org, die das tun und das ist gut so und untermauert unsere Arbeit. Wir selbst konzentrieren uns darauf, Lobbyarbeit zu betreiben und vor allem die lokalen Entscheidungsträger mit soliden und wissenschaftlich fundierten Informationen zu versorgen. Beispielsweise lassen wir über die Universität Mororogoro eine wirtschaftliche Vergleichsstudie für den alternativen Straßenverlauf durch den Süden erstellen. Zudem dokumentieren wir alle wissenschaftlichen Hintergrundinformationen zur Straße.

















